FH Hof Vortrag: Deutsch-Französische Kommunikation -
eine Fettnäpfchenparade?

- in Zusammenarbeit der Fachhochschule Hof mit der Deutsch-Französische Gesellschaft Hof,
am Donnerstag, 13.05.2004, 19 Uhr in der Fachhochschule Hof, Alfons-Goppel-Platz 1, großer Hörsaal
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Prof. Dr. Bernd Müller-JacquierHerr Prof. Dr. Bernd Müller-Jacquier ist Professor für Interkulturelle Germanistik an der Universität Bayreuth und arbeitet seit langem auf dem Gebiet der Vermittlung interkultureller Kompetenz.

In seinem Vortrag "Deutsch-Französische Kommunikation - eine Fettnäpfchenparade?" hat er Mechanismen aufgezeigt, die zu interkulturellem Missverstehen führen (können) und auch auf Lösungsmöglichkeiten hingewiesen.

Anhand von plastischen Beispielen, die auch von Videosequenzen unterlegt wurden, konnten sich die Zuhörer an eigene Erfahrungen erinnern und vorhandene Vorurteile erkennen.

So finden sich Stereotype, "der" Deutschen als ordnungsliebenden, korrekten, aber humorlosen Zeitgenossen. Umgekehrt wird "der" Franzose für unordentlich und nicht ernsthaft gehalten.


Die Missverständnisse beginnen schon bei Wortbedeutungen, selbst bei Wörtern mit gleichem Wortstamm.
  • Ein Franzose, der zu einer Besprechung ein "concept" mitbringen soll, wird eine Gedanken- oder Ideensammlung vorbereiten. Der Deutsche hingegen hat ein klar gegliedertes, wohldurchdachtes und mit Hintergrundinformationen versehenes "Konzept" dabei, das ehr dem französischen "dossier" entspricht. Der französische Gesprächspartner wird sich fragen, warum er eine Ideensammlung vorbereitet hat, wenn sein Gegenüber alles schon fertig ausgearbeitet vorlegt. Der Deutsche bekommt den Eindruck, sein Gesprächspartner arbeitet nicht ernsthaft mit, obwohl beide ihr "Konzept" dabei haben.

  • Will ein Deutscher ein Ergebnis "diskutieren", so ist diese Diskussion auf ein Ziel gerichtet. Der französische Gesprächsteilnehmer sieht eine "discussion" jedoch problemorientiert, d.h. um eine Meinungsverschiedenheit auszuräumen. Er wird also nicht diskutieren wollen, wenn er keinen Dissens sieht.

  • Das französische "je" kann durchaus auch kollektiv, z.B. für eine Arbeitsgruppe, verwendet werden und bedeutet dann "wir". Das "ich" in der deutschen Sprache steht immer für eine einzelne Person.
Diese Bedeutungsprobleme werden aber in der Regel nicht als solche erkannt, sondern auf die Person bezogen (psychologisiert).

Auch die Sprechhandlung an sich wird unterschiedlich bewertet:

  • Für einen Deutschen, der sagt "Ich komme morgen um 5 Uhr vorbei.", ist das ein Versprechen, das einzuhalten ist. Ein Franzose kündigt mit dem Satz "Je vais passer demain vers 5 heures." nur an, dass er kommen könnte. Es bedarf einer erneuten Nachfrage, eines Anrufs, um zu zeigen, dass man es mit dem Termin ernst meint, sonst kann es sein, dass es bei der Ankündigung bleibt.

  • Die Antwort eines Franzosen auf einen Vorschlag "si vous voulez" stellt in der Regel eine Bestätigung dar. Der Deutsch versteht unter "Wenn Sie wollen" vielmehr eine Gegenfrage, die den Vorschlag kritisiert.

  • Der überraschte Ausruf eines Franzosen "mais vous êtes fou" ist keinesfalls als Beleidigung gedacht, was bei einem deutschen Gesprächspartner, der sich als "verrückt" bezeichnet sieht, zumindest für Verwirrung sorgt.

Auch bei der Gesprächsorganisation gibt es Unterschiede:
Ein Franzose wird schon während eines Gesprächs versuchen durch witzige oder ironische Bemerkungen einen Personenbezug, ein "Wir-Gefühl" herzustellen, um nach kurzer Unterbrechung zur sachlichen Ebene zurückzukehren. Ein Deutscher wird das als störend empfinden und versuchen das Gespräch auf der sachlichen Ebene fortzuführen, bestenfalls nach Abschluss des Gesprächs zum gemütlichen (personenbezogenen) Teil übergehen. So kann es kommen, dass der eine für nicht ernsthaft, der andere für humorlos gehalten wird, obwohl beides den jeweiligen Gesprächs-Konventionen entspricht.

    Wenn in deutschen Diskussionen in die Rede gefallen wird, dann um zu unterbrechen; im Französischen meist um die Argumente des Vorredners zu bestärken. Diese gut gemeinte Unterbrechung wird also vom deutschen Gesprächspartner als negative Störung empfunden, er versucht lauter zu sprechen, um nicht unterbrochen zu werden, was wiederum als rechthaberisch ausgelegt wird.

Dies ist nur eine Auswahl der angesprochenen Kommunikationsprobleme, die Herr Müller-Jacquier in anschaulicher und lebhafter Weise den fast 50 Zuhörern nahe bringen konnte, bevor der Abend nach einer lebhaften Diskussion mit einem herzlichen Beifall beschlossen wurde.

Besucher im Hörsaal


Prof. Dr. Heym und Prof. Dr. Müller-Jacquier beim Abschluss des Vortrags


© Deutsch-Französische Gesellschaft Hof e.V. - Hof, Mai 2003